Der Schillingspark in Gürzenich
Laudatio anlässlich der Verleihung
des Rheinischen Denkmalpreises 2000
für den Schillingspark in Düren-Gürzenich, Kreis Düren,
am 3. September 200
(Auszug aus dem Jahrbuch des Kreises Düren 2001)

 

Seit ihrer Vertreibung aus dem Paradies haben die Menschen ein vitales Verlangen,  in Gärten ihre verlorene Glückseligkeit wiederzufinden.  
Die sehnsuchtsvolle Erinnerung an jenen Urgarten Eden im 'Goldenen Zeitalter' der Menschheit war bis ins  19. Jahrhundert nie erloschen. Alle Hochkulturen schufen sich 'paradiesische' Garten: die Babylonier, Assyrer, die Perser, die Ägypter, die Chinesen, Japaner und Koreaner, der hellenistisch-römische Kulturkreis, der arabisch-islamische Orient und schließlich das nachantike Europa. Hier waren es insbesondere fromme, vor allem aber kluge Frauen und Männer,denen schon früh die Gabe vergönnt war. Gärten zu schaffen: Mönche und Nonnen der christlichen Orden. die die Menschen ertüchtigen wollten für die Einkehr in den himmlischen Paradiesgarten. In den etwa vierzigtausend Klöstern, die dem Abendland vom 5. bis 18. Jahrhundert geschenkt waren, wollte sich die innere Ordnung im äußeren Gebaren reflektieren. Das unelastische Lehen war bestimmt von dem Glauben, dass jedes irdische Glück ebenso wie alle himmlische Beglückung sich nur in einem Ordnungsbereich entfalten könne, der nach den Prinzipien des Gottesstaates aufgebaut ist. Und zur Verwirklichung der Vollkommenheit einer solchen Vorstellung gehörte als Abbild des Paradieses eben der Garten dessen idealisierte Präsenz schon in den lieblichen Darstellungen eines Paradiesgärtleins in der mittelalterlichen Tafelmalerei kunstvoll fassbar wird. Zuvor bereits hatten sich die Völker des Islam solche Wunschbilder gepflanzt und dabei zugleich jene Ambivalenz von Paradies- und Liebesgarten geschaffen, wie sie so innig im Phänomen des "Hortus conclusus" erlebbar ist.

Auch für den Schillingspark, den es heute ebenso wie die Aktivitäten um und für ihn zu rühmen gilt, hegen die Wurzeln allem Anschein nach auch im Nährboden mönchischer Kulturarbeit. Denn offenbar waren es die Kreuzherren des weiter westlich gelegenen Klosters Schwarzenbroich, die wohl im 15. Jahrhundert hier für ihre Fischzucht das Gut Weier mit seinen Teichen übernahmen. Diese waren die satte Keimzelle für die so markante, da nahezu geometrische Anordnung der bis jetzt noch existenten oder zumindest im Gelände ablesbaren Weiher, die das beeindruckende Herzstück des Parkgeländes darstellen.

Nach dem Dreißigjährigen Krieg von einem Gürzenicher Bürger enworfen, gelangte die Anlage dann im späten 18. Jahrhundert an das Prämonstratenserinnenkloster Wenau, um nach der Säkularisation 1802 durch Privatisierung in Hofgut und Teichgelände aufgeteilt zu werden.

Eine Heirat 1819 aber führte schließlich wieder zur glücklichen Vereinigung beider Bereiche im nunmehrigen Besitz der Schillings, einer gebildeten Familie mit engen Verbindungen zu den von Brentanos in Frankfurt und mit so berühmten Sprößlingen wie dem Komponisten und Dirigenten Max von Schillings oder dessen Bruder Carl, der sich als Afrikaforscher und Tierschützer einen Namen machte.

Es war Thimoteus Schillings, der im frühen 19. Jahrhundert die Weiher und ihr natürliches Umfeld umwandelte zu einem Wassergarten in Gestalt eines romantischen Landschaftsparks. Dieser wollte - so wie es die faszinierenden Landschaftsgärten Englands im großen Maßstab vorgebildet hatten - als ein dreidimensionales Gemälde verstanden werden. Zur Steigerung der emotionalen Erlebniswerte wurden in die gleichermaßen natürlich wie malerisch anmutend modellierte Landschaft an topografisch exponierten oder perspektivisch reizvollen Standorten architektonische Blickfänger hineinkomponiert: eine verwunschene Grotte, ein Fachwerkhaus, ein Fischerhaus aus unbehauenen Balken. Tempel und Pavillon, Brücken sowie geformte Natur als Inseln und in dem Friedenstal, eine illusionistische Gebirgslandschaft mit wildem Bachlauf.

Vielleicht hatte der Parkbegründer solche bukolischen und magischen In-szenierungen auf Reisen entdeckt, wie sie das Bildungsbürgertum des 19. Jahrhunderts auf besondere Weise zu genießen verstand. Insgesamt entstand so ein durchdacht gepflanzter Traum, der alljährlich am Übergang vom Frühling zum Sommer in einen prallen Rhododendronrausch verfällt.

Vier Jahre nach Besitzübergang des Parks an die Familie Schoeller hatte Paul Clemen, der erste rheinische Provinzialkonservator, 1928 heim Tag für Denkmalschutz in Würzburg und Nürnberg bekannt: Sicherlich werden wir künftighin in noch höherem Maße als bisher die großen historischen Gärten als eine der allerwichtigsten Gruppen unserer pflege- und schutzbedürftigen Denkmäler in unsere Herzen und Gewissen schreiben. ... wie sehr ein jeder Garten ein Individuum ist. seine Gesetze hat,
seine eigenen Sorgen mit sich bringt".

Man hat aus der Rückschau fast den Eindruck, dass diese eindringlichen Worte meines ersten Vorgängers Herausforderung und Verpflichtung zugleich für die nunmehr besitzverantwortliche Familie waren, der der zweite Weltkrieg mit seinen verheerenden Kämpfen im Dürener Raum einen gräßlich beschädigten und anschließend von Vandalisnus heimgesuchten Schillingspark hinterlassen hatte.

Und in der Tat: nach langen Jahrzehnten eines wildwachsenden Dahinträumens des Parkgeländes arbeitet die Erbengemeinschaft, meist nach außen hin vertreten durch Frau Elke Weyer, mit beispielhaftem Engagement und mitreißender Begeisterung an einer umfassenden Revitalisierung des Gartendenkmals. Die Konsequenz des Vorgehens basiert auf einem einfühlsamen Parkpflegewerk, das alle kurz- und langfristigen Schritte zur angemessenen Wiederherstellung, Erhaltung und Pflege dieser im Rheinland einzigartigen Anlage aufzeigt.

Grundlage dafür war eine Diplomarbeit, die Herr Michael Frinke auf Anregung des Referates Gartendenkmalpflege im Rheinischen Amt für Denkmalpflege am Fachbereich Landespflege der Gesamthochschule Essen 1995 erstellt hatte.

Dazu hatte die Besitzerfamilie in enger Zusammenarbeit mit der in der Sache zielstrebigen Unteren Denkmalbehörde der Stadt Düren mit akribischem Eifer historische Ansichten vom Park und seiner Ausstattung aufgespürt, die entscheidende Grundlage für mannigfachen Wiedergewinn an gartenkünstlerischen Gestaltwerten boten. Für einen Denkmalpfleger beglückend und für die Durchführung der Maßnahmen segensreich dabei war, dass - was selten genug vorkommt - kein Zeitdruck bestand. So konnten die Gewerke wohl überlegt mit authentischen Materialien in tradierten Handwerkstechniken ausgeführt werden.

Vordringlich war zunächst die Reparatur von Weihern in Profil und Kontur, eine subtile Arbeit, die mit der Dichtigkeit und Systemfunktion der Wasseranlagen belohnt wurde. Junge Zimmerleute verdienten sich stolze Sporen bei der Erneuerung des Fischerhäusschens, und das kleinere Fachwerkhaus am Großen Weiher gab bei seiner Restaurierung etliche Farbbefunde preis, denen es jetzt sein frohes Erscheinungsbild verdankt.

Die Entdeckung von Bootanlegestellen und Brückenwiderlagern ermöglichte neben deren Wiederherrichtung die Anlage eines Festland und Inseln verknüpfenden Wegenetzes, das nun die abwechslungsreiche Wahrnehmung der malerischen Einndrücke und faszinierenden Reize aufs Neue erlebbar macht.

Die öffentliche Hand hat die Eigentümer in ihrem völlig uneigennützigen Elan nicht allein gelassen. Das Land Nordrhein-Westfalen und die Deutsche Stiftung Denkmalschutz haben die vorbildlichen privaten Aktivitäten gerne gefördert. Auch die Bevölkerung ringsum ist angetan von sichtbarem Erfolg, wie der große Zuspruch vor allem am Tag des Offenen Denkmals und bei vielen anderen kulturellen Veranstaltungen im Parkgelände beweist. Genugtuung bereitet auch, dass die in unseren Tagen so ausufernde Zerstörungswut hier nicht erneut um sich gegriffen hat.

Und ein weiteres Phänomen verdient für diesen historischen Park gleichermaßen dankbare wie erleichterte Erwähnung. Obwohl Denkmalschutz und Naturschutz der gleichen geistigen Wurzel am Übergang vom 18. zum 19. Jahrhundert entspringen, haben in der letzten Zeit ideologische Einseitigkeiten diese beiden gesellschaftlichen Anliegen oftmals in bisweilen unverständliche Gegnerschaft gedrängt. Hier im Schillingspark dagegen ist es gelungen, offenbar werden zu lassen, wie sehr die Vorstellungen beider Ziele aufs Friedlichste miteinander vereinbar sind. Deshalb ist einer solchen Vorbildlichkeit, wie sie dieser Park ausweist, sehr nachhaltig eine große Zahl an Nacheiferen! zu wünschen, denn Eiferer in Sachen Grün und Biotopisierung gibt es schon genug.

Darum gebührt der Erbengemeinschaft insgesamt überdies besondere Anerkennung ob des respektablen Verdienstes, mit ihrem privaten selbstlosen Einsatz vorgemacht zu haben, auf welche Weise Konflikte, die sich vielerorts im öffentlichen Raum abspielen, zu befrieden sind. Wir alle sind dafür dankbar. Dieses vorzügliche Exempel beflügelt die Hoffnung, auch an anderer Stelle vergleichbare Erfolge erzielen zu können.

 

Schillingspark