MARTIN FEHR
Am Straßenrand
In unserer Reihe Lebenswege veröffentlichen wir Auszüge aus einem Manuskript
das der Gürzenicher Martin Fehr im Alter von 68 Jahren unter dem Titel
"Am Straßenrand" über die Zeit seiner Kindheit und Jugend verfaßt hat.
(aus dem Jahrbuch des Kreises Düren )
Marlin Fehr erblickt am 15.1.1905 als zweites von insgesamt 8 Kindern der Eheleute Karl und Jospeha Fehr, beide 1877 geboren, in Gürzenich das Licht der Welt. Seine Kindheit und Jugend, wie er sie spater in seinem Manuskript beschreibt, verbringt er in diesem Dorf im Westen von Düren. Von 1911 bis 1919 besucht er. wie alle Kinder seines Alters, die Volksschule. Anders als seine Altersgenossen jedoch muß er danach nicht sofort in die Fabrik, um zum Lebensunterhalt der zehnköpfigen Familie beizutragen.
Seine Lehrer an der Volksschule hatten nämlich andere Pläne mit ihm. „Die Lehrer priesen bei meinen Eltern die hohe Intelligenz des l4-jährigen Schülers, der nach ihren Aussagen mit einer Begabung ausgezeichnet war, wie sie die Schule bis dahin bei niemandem erlebt habe", erinnert sich sein Bruder Bernhard (gest. 1995). Sie schlugen den Eltern vor, den Jungen nach der Entlassung aus der Volksschule mit besonderer Empfehlung des Gürzenicher Schulkollegiums zur weiteren Ausbildung für 6 Jahre auf das Dürener Lehrerseminar zu schicken.
Das war für die Eltern natürlich eine schwere Entscheidung. Sie mußten nämlich nicht nur auf den einkalkulierten Verdienst des Sohnes verzichten, sondern auf der an deren Seite seinen Unterhalt einschließlich des Schulgeldes bestreiten. Eine Lehr- und Lernmittelfreiheit gab es damals noch nicht. Die Lehrer ließen jedoch nicht locker, und so begann Martin Fehr mit einem Dutzend Gleichaltriger aus dem Regierungsbezirk Aachen seine Ausbildung zum Lehrer - mit so guten Ergebnissen, daß ihm schon nach zwei Jahren das Schulgeld erlassen wird.
Auf das Examen im Jahre 1925 folgte dann allerdings eine lange Zeit der Stellungslosigkeit. Martin Fehr versucht, mit kleineren journalistischen und schriftstellerischen Arbeiten zum Einkommen der Familie beizutragen. So verfaßt er Mitte der 20er Jahre aus Anlaß des 75jährigen Bestehens des Dürener Webervereins eine Geschichte der Dürener Tuchmacher, die von den Auftraggebern mit für die damalige Zeit fürstlichen 1000 Mlark honoriert wird. Eine Reihe weiterer Artikel erscheint in den “Heimatblättern", einer Beilage zur Dürener Zeitung, und behandelt Themen wie „Die Hubertusverehrung und die Gürzenicher Märkte", „Der Gürzenich zu Köln", „Pastor Flickart von Gürzenich" (in 12 Fortsetzungen) oder „Der Verrat von Gürzenich" (in Gedichtform). „Ich erinnere mich noch daran, wie uns Zwölfjährigen in der Volksschule seine Artikel vorgelesen und dann im Unterricht besprochen wurden." (Bernhard Fehr).
Gegen Ende der 20er Jahre beginnt das politische Engagement von Martin Fehr. Geradezu schockiert ist er vom Ergebnis der Reichstagswahl 1930, die den Nazis eine Steigerung ihrer Mandate von 10 auf 107 einbringt und sie damit zur zweitstärksten Fraktion im Reichstag macht. Er nimmt Kontakt auf zu vielen Pazifisten, Sozialdemokraten, Gewerkschaftern, Kommunisten, ohne sich jedoch einer Partei als Mitglied anzuschließen. Er schreibt Artikel, u.a. für die „Weltbühne", und macht die Bekanntschaft von so prominenten Zeitgenossen wie Carl v. Ossietzky, Erich Mühsam, Kurt Tucholsky und anderen. Er wird selber, zumindest für den Dürener Raum, zu einem bekannten Antifaschisten.
Mitte 1932 erhält er seine erste Anstellung als Lehrer - in Solingen-Ohligs, weit weg von der Heimat. Wenige Monate später wird er nach Essen-Cray versetzt und ist somit dem Blick der Dürener Nazis entzogen. Nach dem 30. Januar 1933, der Machtübergabe an Adolf Hitler, sind sie nämlich, wie die Familie erfährt, auf der Suche nach ihm. Es gelingt, ihn illegal über die belgische Grenze nach Antwerpen zu bringen, wo sich eine enge Freundin, die Tochter eines jüdischen Diamantenhändlers, seiner annimmt. Sie und ihre Familie waren britische Staatsbürger und veranlassen deshalb Martin Fehr, in England eine neue Heimat zu suchen.
Seiner damaligen Einstellung nach hätte sein Emigrationsland eher die Sowjetunion als das konservative England sein müssen. Aber durch seine Freundin im Westen ist er vor dieser Dummheit bewahrt geblieben. In der Sowjetunion wäre er mit Sicherheit wegen seiner Auffassungen über einen Kommunismus mit demokratischem, humanem Antlitz in die Fänge der Sowjetgestapo geraten, und wie der kommunistische Reichstagsabgeordnete Heinz Neumann und andere seinesgleichen von den Schergen Stalins liquidiert worden." (B.F.) In London hält er weiter Kontakt mit deutschen Emigranten, so u.a. dem bekannten bayerischen Sozialdemokraten Waldemar von Knoeringen (Gruppe „.Neu Beginnen"), mit dem er zeitweise sogar eine Wohnung geteilt haben soll. Auch seine schriftstellerischen Ambitionen setzen sich fort, wie aus einem Briefwechsel mit Thomas Mann geschlossen werden kann. Der Kriegsbeginn um 1.9.1939 bringt ihn jedoch, wie alle Exil-Deutschen, in ein britisches Internierungslager. Anfang 1940 wird er zusammen mit einigen tausend anderen Internierten auf zwei Schiffen nach Kanada transportiert. Eins der Schiffe wird von deutschen Seestreitkräften angegriffen und versenkt. wobei alle Insassen ums Leben kommen. Martin Fehr befindet sich glücklicherweise auf dem anderen Schiff.
Nach 18 Monaten haben die Bemühungen seiner Lebensgefährtin Erfolg, Martin Fehr kann nach England zurückkehren, Er arbeitet nun, bald sogar in verantwortlicher Stellung, in einem Werk unweit von London, das sich mit der Schleifung von Rohdiamanten befaßt. Nach kurzer Zeit reicht er bereits ein Patent ein über das “Fehr Reflex Giniometer". vom Preisgeld kann er ein ausgemustertes Torpedoboot kaufen und zum Hausboot umbauen. 1947 verbringen seine Eltern einige Monate bei der mittlenveile vierköpfigen Familie (zwei Söhne waren geboren).
Einige Jahre nach Kriegsende beantragt Martin Fehr die britische Staatsangehörigkeit. Zum einen, um seine bisher „wilde" Ehe zu legalisieren und Schwierigkeiten für seine Kinder zu vermeiden. Zum anderen aber auch, weil er nicht länger Deutscher sein wollte - angesichts der Tatsache, daß „mindestens 80% dieses sogenannten Kulturvolkes einem Wahnsinnigen, einem Kristallnachtmörder frenetischen und innerlich überzeugten Beifall zollten." (B.F.)
Martin Fehr hat seine Heimat in England gefunden. Er hat beruflich Erfolg - aber auch schriftstellerisch. 1972 wird sein Roman „The End of His Tether" („Das Ende seiner Kraft"), die düstere Geschichte eines Jungen, der als einziger einen atomaren Holocaust überlebt, vom (Janay-)Verlag zum „Buch des Jahres" ernannt. „John Martin Fehr" (so sein Schriftsteller-Name), „hat dieses Buch aus seiner Sorge um das menschliche Überleben heraus geschrieben. Das Ergebnis ist eine so glaubwürdige, anschauliche und gut geschriebene Geschichte, daß die Gedanken und Ängste, die sie hervorruft, erschreckend sind", heißt es im Klappentext. Im Alter von 73 Jahren verstirbt Martin Fehr 1978 in Basingstoke in der Nähe von London. Sein Leichnam uird auf seinen Wunsch eingeäschert, die Asche in alle Winde verstreut.
