Der Zauber des Eleléscho

In den Nachmittagsstunden des 14. Januar 1897 bewegte sich eine kleine ermüdete Trägerkarawane, etwa 50 Mann stark, über die weite Ebene entgegen ihrem langersehnten Ziele, dem Nakurosee, der endlich in weiter Ferne sichtbar wurde. Das Aussehen und die abgerissene Kleidung der Träger ließ darauf schließen, daß die Karawane eine lange Reise vollbracht hatte. Und so war es. Ich kam vom Viktoria-Nyanza, fiebergeschwächt, in der Hoffnung, in höher gelegenen Gegenden schneller zu gesunden. Nach Wochen harten Schmerzenslagers fast wider Erwartens meiner freundlichen Pfleger, englischer Offiziere, vom Fieber genesen, das die Sümpfe des Nyanza die Durchquerung der wilden, damals nicht oder kaum betretenen Länder Sotik und Nandi mir gebracht, schien mir nach Art der Rekonvaleszenten das Leben doppelt schön und begehrenswert. Die Märsche der letzten Tage waren wieder einmal durch feindliche Stämme, aufständische Wakamassija, gefährdet gewesen, aber mit dem Eintritt in das menschenleere Gebiet der Nakuro, Elmenteita und Naiwasha-Sees, in dem von den Masai mit En’aiposha bezeichneten Distrikt gelegen, war diese Gefährdung so ziemlich überwunden.

Endlose, wellenförmig sich dahinziehende Grasflächen, jeden Baumschmucks bar, hatten die letzten Märsche wenig anziehend gemacht; nun senkte sich die Grasebene merklich, ging allmählich in öde vulkanische Flächen über und gewährte dem Blick Ausschau über den in der Ferne schimmernden See.

Eingebettet in eine weit ausgedehnte Mulde lag er verheißungsvoll sich in der Ferne verlierend zu unseren Füßen.

Am Ufer eines zu dieser Jahreszeit sich trüb und reißend in den See ergießenden Baches neben einigen dürftigen Msuakibäumen wurde das Lager aufgeschlagen. In der Umgebung hatten vor einiger Zeit Steppenbrände gewütet, das alte Gras vernichtend, und der hier anscheinend reichlich gefallenen Regen hatte einen neuen jungen Grasteppich von üppiger Frische hervorgezaubert. Schon der erste Besucher und Entdecker dieser Gegenden, Dr. G. A. Fischer, der namhafte, leider so früh dem Klima erlegene Forscher, erwähnt ausdrücklich die auffallende Üppigkeit der Grastriften jener Gelände und vergleicht sie mit den saftigsten Weideflächen der Schweizer Alpen.

Fischer besuchte den nahegelegenen Naiwashasee als Erster im Jahre 1883. - Wie hatten sich die Verhältnisse inzwischen geändert! Damals, also vor nur 12 Jahren, ehe ich dort mein Lager aufschlug, beherrschten noch die kriegerischen Masai als unumschränkte Gebieter die weiten Steppen.

Der verdienstvolle Oskar Baumann war einer der ersten, der ihr unwirtliches Gebiet durchquerte, als er einige Jahre nach Fischers Reise seine berühmte Expedition ins sagenumwobene Ruanda, das uns heute erst durch Dr. Richard Kandts Forschungen nähergerückt ist, in die Gegend der Nilquellen führte. Auch ihn, den ich als österreichischen Konsul in Zansibar kennen lernte, raffte schon in jugendlichen Jahren die afrikanische Sphynx, die Tücke des Klimas, dahin. -

Seine Reise, wenige Jahre nur eher, ehe ich hier weilte, unternommen, brachte der stark bewaffneten Karawane harte Kämpfe mit den Eingeborenen. Und nun lagere ich hier mit wenigen Mann im offenen Lager ...

Fischer hatte sogar geglaubt, nicht ohne die Unterstützung mohamedanischer Karawanen seine Entdeckungsreise antreten zu können, doch mußte er schließlich allein mit den von ihm angeworbenen 230 Trägern aufbrechen, löste aber trotz aller Schwierigkeiten seine Aufgabe mit Erfolg. Aber unter welch andern Umständen vollzog sich in jenen Jahren eine Reise ins unbekannte Masailand! Souverän beherrschte damals noch der Masaikrieger sein Land - war damals noch “OL open I en gob”, Besitzer des Landes, im Sinne des Wortes. Und all die ritterliche Poesie, die uns das Schicksal der nordamerikanischen Indianer so menschlich nahegebracht hat, war auch seinem Kriegerdasein nicht fremd. Da kam der Augenblick, wo er mit den Feuerwaffen der Europäer zusammenstieß. Sein Schicksal war besiegelt, wie das des Löwen und des Leoparden!...

Damals aber galt es allenthalben Tribut zu entrichten. Nicht nur einige kleine Häuptlinge in der Nähe der Küste, sondern auch die Masai mußten mit reichlichem Tribut abgefunden werden! So zahlte Dr. Fischer beispielsweise an den Häuptling der Sedenga in Mkaramo am Paganifluß für die Erlaubnis zum Durchzug seiner 230köpfigen Karawane: 100 Stück Zeug á 6 Armlängen, ein Beil, 100 Bleikugeln, 1 Fäßchen Schießpulver von 10 Pfund, 2 große Ringe Messingdraht, sowie 8 Pfund Glasperlen.

Nur zwei Arten von Karawanen waren den Masai bekannt: Sklavenkarawanen und Handelskarawanen, die danach trachteten, das begehrte Elfenbein zu erlangen. Die arabischen Händler wußten beides zweckmäßig zu vereinigen: Die Sklaven, das erhandelte “Schwarze Elfenbein”, wurden gezwungen, das weiße Elfenbein an die Küste zu schleppen...

Die Kopfzahl dieser wohl mit Feuerwaffen ausgerüsteten Handelskarawanen betrug stets mehrere hundert Mann, schwoll aber unter Umständen beträchtlich an, so daß Karawanen von tausend Mann und mehr keine Seltenheit waren. - Monatelang hatte Fischer damit zubringen müssen, seine Karawane zusammenzustellen; wollten doch die Träger nicht mit dem ersten weißen Mann, der jene Gegenden Aufsuchte, die gefährliche Reise unternehmen. Die Eifersucht der arabischen Händler tat ein übriges: Sie fürchteten, daß ihre sorgfältig geheim gehaltenen Elfenbein-Handelswege erkundet werden könnten.

Unter den größten Schwierigkeiten hat unser deutscher Forscher seine Expedition durchgeführt; nicht lange danach ist er, in die Heimat zurückgekehrt, den außerordentlichen Strapazen erlegen.

Bedeutend sind Fischers Verdienste namentlich um die Erforschung der ornithologischen Verhältnisse der Masailänder; allein gegen sechsunddreißig bis dahin der Wissenschaft unbekannte Vogelarten hat die Fischersche Reise ergeben! Wenn man die Schwierigkeiten ermißt, mit denen unser Reisender zu kämpfen hatte, muß uns diese Leistung in der Tat mit hoher Achtung erfüllen, namentlich, wenn man bedenkt, mit wie verhältnismäßig geringen Mitteln er sich behelfen mußte, im Gegensatz zu den großen Hilfsmitteln, die beispielsweise englischen Forschern damals schon zur Verfügung standen.. Der geographischen Gesellschaft in Hamburg gebührt das Verdienst, ihm die Ausführung seiner Pläne ermöglicht zu haben, zu deren Ausführung Fischer außerdem alle Geldmittel verwandte, die er sich mühsam durch ärztliche Tätigkeit auf der Insel Zansibar erworben hatte. Seien ideellen wissenschaftlichen Zwecken dienende Tätigkeit sah er durch die Erfolge reich belohn; dann aber mußte er bald dem tückischen Klima erliegen und hat es nicht mehr erlebt, wie schnell die Macht der ihn damals so sehr bedrängenden , seine Reise so schwierig gestaltenden gefährdenden Masaikrieger gebrochen wurde! In meinem Buche “Mit Blitzlicht und Büchse”, habe ich es ausgeführt, wie unheimlich schnell diese Kinder der Steppe vom Erdboden verschwinden sollten. Jene furchtbare Geißel, die Rinderpest, wahrscheinlich aus Indien eingeschleppt, vernichtete plötzlich den größten Teil der Viehherden der Masai und strich mit diesen ungezählte Masai selbst aus der Liste der Lebendigen...

Waren doch dies Hirtenvolk und ihr Besitz, die unzähligen Rinderherden in solch innigen Konnex getreten, und waren doch diese kriegerischen Viehhirten so sehr von ihren Viehherden abhängig geworden, daß sie nach deren Untergange nicht mehr leben konnten, sondern in wenigen Tagen den Hungertod starben.

In wenig mehr denn Jahresfrist hat die Pest, hat der schwarze Tod die Masaisteppen durcheilt... Hungrige Geier zogen ihre Kreise über den Schreckensstätten. Die Rinderherden erlagen der unheimlichen Seuche. Qualvoll langsam verhungernd folgten ihnen ihre Hirten in den Tod. Auf engem Raum vereint mit den zahllosen weichgebleichten Knochen der Rinder fand ich vielfach die Schädel ihrer einstigen Besitzer. Das waren frühere Lagerplätze, deren Dornenzäune längst vermodert waren und nun seltsam eindrucksvolle Schädelstätten bildeten; diese Knochenreste, um das Jahr 1897 noch sichtbar, waren bald darauf in Staub aufgelöst und in die Lüfte verflattert.

Wo sind die Masai jener Tage?...

Und plötzlich stehen sie leibhaftig, wie aus dem Boden gewachsen, vor mir! Es ist keine Täuschung! - Aber warum zeigen sich meine Träger nicht erschreckt, warum entsteht nicht Aufruhr im Lager?...

Allzu begreiflich ist’s, daß sich niemand um die erschienenen Gestalten kümmert, denn nicht tributheischend und drohend nahen sie sich meinem Lager, sondern im Bewußtsein der überlegenen Macht des Europäers. Freilich vor wenigen Monaten haben ihre Krieger nicht allzuweit von meinem Lager noch eine Karawane von fast tausend Küstenleuten überfallen und erschlagen, aber im allgemeinen lassen sie sich mit den überlegenen europäischen Waffen nicht gerne ein.... Sogar Speise nehmen die Krieger von mir an. Und in Bezug auf diese sind sie nicht mehr so wählerisch wie früher, wo der Krieger nur vom Fleisch und der Milch der Rinder - strengem Speisegebot folgend - sich nähren durfte. - Wir haben es hier freilich nur mit einer nicht bedeutenden Anzahl zu tun; da draußen in der freien Steppe leben immerhin noch eine nicht geringe Menge Masai, die, noch oder wiederum im Besitze von Viehherden, sich möglichst fern von Europäern und ihren unheimlichen Waffen halten.

Aber Masaikrieger mit ihren Weibern, Kindern und Herden scheinen mir eine notwendige Staffage in dieser öden Landschaft. Wir freunden uns an; Tänze unterhalten mich am Abend bis spät in die Nacht und manches Wortgeplänkel ereignet sich zwischen einzelnen meiner Träger, die des Kimasai durch frühere Reisen einigermaßen mächtig, mit den Steppennomaden plaudern; der Küstenmann dünkt sich himmelhoch erhaben über den “wilden” Masai, der Masaikrieger wieder verachtet die lastenschleppenden Küstenleute, die er zu den Barbaren rechnet und verächtlich “il’ meek” bezeichnet.

Aber die Zeiten haben sich geändert, und es kommt vor, daß sich auch meine Leute an dem Tanze beteiligen, der bis spät in die Nacht dauert, Gesänge der Krieger und der Weiber - ertönen in die Nacht hinaus und der Refrain findet ein vielfaches Echo mit seinem oft wiederholten Ho! He! Ho! Na! He Hoo! - Es ist Lederstrumpfpoesie, und mir scheinen sie so ähnlich, die Rothäute der neuen Welt und die Masai hier im dunklen Afrika. Die einen mußten der Kultur weichen, den anderen steht dieses Schicksal noch bevor...

Niemand hat die geringste Besorgnis für die Nacht. Ruhig wurde es den Moran gestattet, in der Nähe des Lagers zu nächtigen.Unser Zug durch die wilden Bergländer der Wasotiko und Wanandi hatte uns gegen dergleichen Gefahren abgestumpft. Wir konnten nicht ahnen, welch erbitterte jahrelange Kämpfe den englischen Truppen mit diesen Völkerschaften noch bevorstanden, wie wehrkräftig und kriegerisch sie waren! Aber die Anwesenheit hunderter speer- und keulenbewaffneter Krieger im Lager war etwas Alltägliches gewesen, und groß war später das Erstaunen der englischen Offiziere, als sie hörten, die große Karawane, der ich mich angeschlossen hatte, sei ohne Krieg glücklich durch diese Länder gelangt!

Die herben wilden Reize solch eines Reise- und Karawanenlebens waren mit einem Schlage für mich durch mein schweres Krankenlager unterbrochen worden: doppelt empfänglich war ich nun wieder geworden für das beglückende Wandern in Licht und Luft, Freiheit und unendlichen Weiten - doppelt empfänglich auch für wechselnde Eindrücke, denn wochenlang hatte mich mein Marsch durch einsame Urwälder, Bambuswaldungen und Grassteppen geführt, in denen, wie mein Freund Richard Kandt, der Entdecker der Nilquellen, dies so trefflich beschreibt, jede Pflanze jeder Stein, mir nur immer wieder das eine Wort: Öde! Öde! in der großen Einsamkeit zugerufen hatte.

Ein leichter, aber anhaltender Regen fällt in früher Morgenstunde am 15. Januar. Ein nur kurzer Marsch von zwei Stunden bringt uns zum heutigen Lagerplatz unmittelbar ans Gestade des Nakuro.

Weithin spannt sich das Panorama des Sees, der in seine Mulde eingebettet vor uns liegt, und zu dieser Jahreszeit unzähligen Wildrudeln an seinen Ufern frische Äsung, auf seinen Wassern aber zahllosen Mitgliedern der Ornis Herberge und Nahrung gewährt. Die Zahl der kleinen zierlichen Zwerggazellen (Gazella thomsoni) habe ich kaum übertroffen gesehen! Tausende und abermals Tausende dieser zierlichen Geschöpfe zeigten sich über die grasigen, frisch begrünten Auen am Seegestade und ihrem Obsidian-, Augit- und Bimssteingeröll zerstreut. Wohin sich auch unser Blick wenden mochte, überall stieß er wieder und wieder auf die schönen Gazellen, die in vieler Beziehung an weidende wilde Ziegen erinnern, und in ihrer außerordentlichenVertrautheit oftmals dem Beschauer eine unmittelbare Annäherung erlauben. Ihr farbiges, auffallendes Haarkleid sticht trotz alledem nur wenig vom Boden ab, mag dieser nun von den Steppenbränden schwarz gefärbt oder auch schmucklos, fahl und braun, in einfachem Erdkleide, oder auch in saftiges Grün gehüllt, sich unserem Auge darbieten.... Und wie sehr sticht doch diese Art mit ihrem recht grell verteilten Braun, Schwarz und Weiß uns in die Augen, wenn wir die Häute erlegter Stücke aus nächster Nähe oder in den Museen besichtigen!

Dunklere Punkte in der Weite, fern von uns, müssen wir als stärkeres Wild ansprechen. Das Glas zeigt uns dann auch Kuhantilopen, eine größere Anzahl Wasserböcke und ganz im Hintergrunde bewegt sich eine flimmernd im Schein der Morgensonne verschwindende Masse: es sind Zebras und immer wieder Zebras, gleichsam lebende Mauern!!! Seltsame Lichteffekte lassen uns tatsächlich etwas wie eine Mauer oder einen Wall, gebildet aus den Leibern der Zebras sehen - tiefe Schlagschatten erscheinen schwarz, die beleuchtete Seite in greller Morgensonne aber flimmernd in allen Farben und von immer wechselnder Wirkung und Gestaltung.

Das ist die Signatur der Steppe, hier an den Seen: Zwerggazellen und Zebras, Zebras und Zwerggazellen, in immer aufdringlicherer Menge! Wo auch das Auge hinschaut, immer wieder stößt es auf diese beiden Arten und die zahlreichen Wasserböcke, die Grantgazellen und die Hunderte von Kuhantilopen sind gewissermaßen nur Ruhepunkte für das Auge. -

In flimmerndes Licht gebadet wimmelt diese Masse von Tieren durcheinander. Dort, wo ich erscheine, kommt zeitweise Leben in die sonst ruhig äsende Menge von Wild. - Ich habe mein Lager längst ein beträchtliches Stück hinter mir gelassen, bin einem der vielen zum Seegestade führenden Nashorn- und Flußpferdwechsel folgend, gewissermaßen untergetaucht in diese Mengen von tierischem Leben, und habe wiederum einmal das Gefühl, mich gleichsam inmitten einer riesigen Schafherde zu befinden, habe den Eindruck, als sei all das Leben um mich her nicht das von “wilden Tieren”, nein, als seien es vielmehr zahme Haustiere, die hier unter der Obhut von Hirten auf die Weide getrieben würden....

Die Menge dieses tierischen Lebens wogt und wallt durcheinander; einzelne alte Bullen der stark gehörnten Kuhantilopen scheinen für sie ein Wächteramt übernommen zu haben. Bewegungslos verharren sie in weiterer Entfernung, aufmerksam die seltsame Erscheinung des nahenden Menschen musternd, hin und wieder in weit ausgreifenden Galoppsrüngen mit tief geneigtem Kopfe die Entfernung zwischen sich und dem Verdächtigen vermehrend, stets bereit, das Alarmzeichen zur allgemeinen Flucht durch lautes Schnauben zu geben. In diesen Gegenden finden wir nicht die flachgehörnte Kuhantilope (Bubalis cookei Gthr.) der Kilimandscharogegenden, sondern die nach ihrem Entdecker Jackson genannte (Bubalis jacksoni), eine hoch und stattlich gehörnte Art dieser eigenartig gebauten, weit über den schwarzen Kontinent verbreiteten Antilope. Die Erlegung einiger Exemplare einer weiteren interessanten Art, Neumann's Kuhantilope (Bubalis neumanni Rothsch.), [Die Schädel dieser Exemplare überwies ich dem Museum für Naturkunde in Berlin] damals nur in ein oder zwei Exemplaren bekannt, gelang mir zu meiner großen Freude ebenfalls.

Überwältigend in seiner Masse, seinem Reichtum an Gestalten, Farben, Bewegungsphasen ist dies groß angelegte faunistische Bild! Durch die Dünentäler der Steppe viele Stunden mich bewegend, von ihren Gipfeln mit bewehrtem oder auch unbewehrtem Auge Umschau haltend, stets finde ich die Grassteppen bedeckt mit Wild. Abwechselnd Hunderte und aber Hunderte von Zebras, abgesondert von ihnen in der Nähe kleinere und größere Rudel Rudel von Grantgazellen, ringsumher aber alles von Zwerggazellen wimmelnd. Stolz erhobenen Hauptes hie und da stattliche Wasserböcke mit prächtigen gabelförmigen Hörnern geschmückt, nicht weit davon die ungehörnten Weibchen, beide in ihrer Haltung und ihrem Wesen ausgeprägt an unseren nordischen Edelhirsch erinnernd. Als abermalige Ruhepunkte für unser Auge hier und da in der Steppe die prächtigen schwarz gefärbten Straußenmännchen, aufmerksam den Wanderer beobachtend, in Gesellschaft ihrer unscheinbaren grauen Weibchen, die für das Auge erheblich schwerer auszumachen sind. Allenthalben ganze Rudel von braunen Kuhantilopen, äsend, ruhend oder in ihren charakteristischen weitasugreifenden Fluchten das Weite suchend; nun aber plötzlich ein stattliches Rudel der riesigen, bräunlich gelben, mit weißen Querstreifen gezierten Elenantilopen, im Bewußtsein ihrer Kraft und Stärke wenig scheu, unbewußt der ihnen durch die weittragenden europäischen Waffen drohenden Gefahr!

Man denke sich all dies tierische Leben übergossen von der Fülle tropischen Sonnenlichtes. Alle Farbenwerte und Nüancen spielen vor unserem Auge; tiefe Schlagschatten, je nach dem Stande der Sonne, verändern uns die Erscheinungen dieser Tierwelt wieder und wieder und geben dem nicht jahrelang in der Steppe Erfahrenen von Minute zu Minute neue Rätsel auf.

Dort, wo die Menge der Tiere, weit über die flache unendliche Steppe zerstreut, vieltausendköpfig auftritt, wo das flimmernde Licht um die Mittagsstunde unser Auge beirrt und ermüdet, weiß man oft kaum mit Sicherheit, ob die Tierwelt dort in der Ferne, sich in abermals Tausende neuer Köpfe und Formen auflösend, ins Unendliche übergeht, oder ob die gleichfalls in spielendem Sonnenlichte und den heißen erhitzten Luftstrahlen für unser Auge Leben gewinnenden spärlichen Dornsträucher unser Auge täuschen, ob eine Fata Morgana uns blendet!

Vier in der Ferne durch die Steppe ziehenden Nashörner, die ich jetzt erspähe, und eine Straußenherde, mit dem Glase deutlich erkannt, wechseln so oft Form und Farbe, daß es zum Erstaunen ist. Je nach ihren Bewegungen und Stellungen zur Sonne scheinen sie bläulich und grau verschwimmend, dunkelschwarz, dann wieder fast unsichtbar erdfarben - immer aber wechselnd und anders als im Augenblick vorher!

Um alles dieses zu würdigen, muß man sich in der Phantasie hineinversetzen in den Zustand gesteigerter Reizfähigkeit unseres Nervensystems, das durch ungewohntes Licht, durch das Klima und die ungeheuren Strapazen in fremdartiger Weise beeinflußt wird. All dies Eigenartige wirkt um so mächtiger, als es hier in Einsamkeit und Abgeschiedenheit verarbeitet werden muß und ein Gedankenaustausch mit anderen gleich empfindenden Menschen ausgeschlossen ist.

Man fühlt es hier, wie herrlich und schön so reich entwickeltes und warm pulsierendes Leben ist. Mächtig und groß und gewaltig wirkt es in seiner Fülle auf uns.

So arm hier die Flora sich erweist, so reich ist die Fauna entwickelt. Welch ein Anblick für den Ornithologen!

Inmitten der Zebraherden durchstelzt unser europäischer Storch zusammen mit seinem kleineren afrikanischen Vetter, dem Abdimstorch, zu Hunderten die Steppen, sie nach Heuschrecken absuchend. In Gemeinschaft der Störche sah ich große Züge der herrlichen Kronenkraniche derselben Tätigkeit gewidmet, oder sie erhoben sich wuchtigen Fluges über die Dünentäler mit weithin knarrender fremdartiger Stimme. Unter dem dürftigen Schatten der Mimosen standen um die Mittagszeit aufgerichtet, gravitätisch und steifnackig, die prächtigen Riesentrappen, jetzt nur wenig scheu, in der Morgenkühle und zur Abendstunde aber entweder in ihrem trippelden doch fördernden Schritt, oder die mächtigen Fittichenach kurzem Anlaufe über den Boden ausbreitend, sich rechtzeitig in Sicherhit bringend. Ihre kleinere Artgenossin (Otis gindiana Oust.) erhob sich vor mir in die Lüfte, sich dabe oftmals gleich einer Tümmlertaube überschlagend, Meisterin des Fluges, wie kaum ein zweiter Vogel ihrer Größe! Am Seegestade kreisten Seeadler, weithin ließen sie ihre schöne hell klingende Stimme erschallen. Unbekümmert um sie erhoben sich Tausende der prächtig rosenroten Flamingos zum intensiv blauen Himmelsdome oder umsäumten, einem Kranze lebender Seerosen gleich, das Gestade des Nakuro, vergesellschaftet mir großen Scharen von Enten, Gänsen und mancherlei Strandvögeln. Aus dem Akaziengestrüpp und zwischen den Mfuaki-Sträuchern am See erhoben sich raselnden Fluges Ketten von Perlhühnern und Frankolinen, und um die Morgenstunde segeltn, weit aus ferngelegenen Steppengegenden kommend, herrliche Sandhühner zum Seegestade herbei. Allüberall ein überwältigend reiches Bild warm pulsierenden Lebens und Treibens! Das alles zusammen vermag tatsächlich den Eindruck vollkommen gezähmter Herden von Wild zu machen, und dieser Eindruck kann sich durch Suggestion so stark gestalten, daß man minutenlang an seine Wahrheit zu glauben vermag!

Inmitten all dieses Reichtums von "Wild", das hier seinen Namen fast zu Unrecht führen muß, begreift man, um ein vieles leichter, wie der Urmensch sich allmählich aus diesem großen Kreise mannigfaltiger Erscheinungen in anderen Kontinenten Haustiere zu gewinnen wußte.

Ein seltsames Gefühl aber ergreift den Beobachter, wenn er sich erinnert, daß der Afrikaner aus all diesem Reichtum tierischen Lebens kein einziges Geschöft dauernd an sich zu fesseln wußte. Sein Rindvieh hat er aus Asien bezogen, wohl auch seine Ziegen und Schafe; das Kamel scheidet - sich in Bezug auf seine Ankettung an das Menschegeschlecht in mystischer Urferne verlierend - aus der Betrachtung aus. So kommen wir zu dem Ergebnis, daß die afrikanisch Fauna kein einziges Mitglied zu dem Kreise der Haustiere geliefert hat! Traurig und beschämend, namentlich mit Rücksicht auf die Tatsache, daß der heutige Mensch es nirgends verstanden hat, das zu erreichen, was in grauer Zeit hier und da - freilich innerhalb unendlich langer Zeitläufe - erreicht worden ist!

 

[Fortsezung]

 

Der Zauber des Eleléscho